Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin,
sehr geehrte Ratsleute,
„Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen.“ Ein Satz des jüdischen Auschwitz-Überlebenden Noach Flug (Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, IAK). Er setzte sich bis zu seinem Tod 2011 gegen das Vergessen und für das Erinnern an die Gräueltaten des Nationalsozialismus ein.
Dies ist ein weiser Satz, finde ich: Erinnerung sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Und sie ist lebensnotwendig.
Sie ist lebensnotwendig, damit Geschichte sich nicht wiederholt. Und damit das gelingen kann, müssen auch wir – um beim Zitat zu bleiben – eigene Wege gehen in neue Räume und zu anderen Menschen. Das wollen wir mit unserem Antrag tun.
Wir sprechen heute über einen Ort des Erinnerns, der fehlt! Über eine Gedenkstätte für Menschen in Kiel, die in der Hitler-Diktatur aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt, misshandelt und ermordet wurden.
Ich halte diese Gedenkstätte für notwendig.
Denn Erinnerungskultur muss auch jene Menschen sichtbar machen, deren Leid lange verschwiegen oder verdrängt wurde.
Die Nationalsozialisten verfolgten Männer, die sie als homosexuell stigmatisierten, auf Grundlage des § 175 des Strafgesetzbuches. Zehntausende wurden verurteilt. Viele wurden in Konzentrationslager verschleppt und mit dem sogenannten „Rosa Winkel“ gekennzeichnet. Viele überlebten die Verfolgung nicht. Auch Kiel ist Teil dieser Geschichte.
Selbst nach 1945 setzte sich die Diskriminierung fort. Der § 175 blieb in der damals noch jungen Bundesrepublik noch Jahrzehnte bestehen.
Erst nach der Wiedervereinigung wurde er endgültig aus dem Strafgesetzbuch entfernt.
Das zeigt: Verfolgung und Ausgrenzung enden nicht automatisch mit dem Ende einer Diktatur. Sie leben weiter.
Eine Gedenkstätte in Kiel für queere Menschen kann deshalb mehr sein als ein Erinnerungsort. Sie kann ein Zeichen dafür setzen, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Wir brauchen das Erinnern, eine Erinnerungskultur, die mit der oben beschriebenen Wucht des Wassers neue Wege sucht und findet – in neue Räume und zu anderen Menschen.
