Holtenauer: Kein Stillstand für Mobilitätswende

„Der Radweg in der Holtenauer Straße bleibt eine Herausforderung“ – hinter dieser Überschrift der „Kieler Nachrichten“ verbarg sich vor ein paar Tagen die Einschätzung der Verwaltung, dass die Einrichtung eines Fahrradschutzstreifens auf der Holtenauer Straße aus rechtlichen Gründen nicht möglich sei. Das widerspricht zum einen den Wünschen von Ortsbeirat und Bauausschuss (Drs. 448/2020), macht zum anderen aber auch deutlich, wie komplex die Gemengelage in einer Straße sein kann, die sowohl für den Einzelhandel als auch den Verkehr auf dem Westufer herausragende Bedeutung hat.

Für viele kommt die Holtenauer Straße mit ihrem Mix aus Gastronomie, Theater, Kino, Galerien und Einzelhandel – vom Inhaber*innen geführten Geschäft bis hin zum Filialisten – dem Idealbild einer lebendigen Wohn- und Einkaufsstraße sehr nahe. Genauso vielfältig wie das Angebot sind allerdings auch die Herausforderungen für sichere und umweltfreundliche Mobilität, die durch die Anziehungskraft und die veraltete Infrastruktur ausgelöst worden sind. Den in die Jahre gekommenen öffentlichen Raum – von Hauswand zu Hauswand – teilen sich zu Fuß Gehende, Radfahrende, Menschen, die verweilen wollen, ÖPNV, Lieferverkehr und motorisierter Individualverkehr.

Jahrelang suchen Politik und Verwaltung nach Möglichkeiten der Verbesserung. Soll es nun wirklich das einzige Ergebnis bis zum Bau einer Stadtbahn bleiben, dass sich auf der Holtenauer Straße gar nichts ändert? Dass eine grundlegende Umgestaltung der Straße im Kontext mit der mittelfristigen Realisierung einer Stadtbahn betrachtet werden muss, ist aus vielerlei Gründen nachvollziehbar: Eine Stadtbahn, die nicht durch die Holtenauer Straße führt, ist schwer vorstellbar. Im Sinne von Nachhaltigkeit macht es darum jetzt keinen Sinn, den öffentlichen Raum durch aufwändige Baumaßnahmen anders aufzuteilen. Das würde zweimal Millionensummen verschlingen und Anwohnenden und Gewerbetreibenden mindestens zwei langfristige „Baustellen“ zumuten.

Ein schlichtes „Weiter so“ darf aber nicht die grüne Antwort auf diese Problemstellung sein! Für die grüne Ratsfraktion darf die Umsetzung einer Mobilitätswende nicht erst mit der Umsetzung des Projektes Stadtbahn beginnen. Der Klimawandel mit all seinen Folgen wartet ebenso wenig auf eine Kieler Stadtbahn wie die Menschen, die sich ohne Auto sicher und komfortabel fortbewegen möchten. Also müssen wir Lösungen finden, die uns auch heute schon entscheidende Schritte bei der Neugestaltung der Verkehrsräume in unserer Stadt voranbringen.

Wir wollen daher den konstruktiven Austausch mit allen demokratischen Kräften der Ratsversammlung, der Verwaltung, dem Ortsbeirat, den Gewerbetreibenden der Holtenauer, der KVG, den Interessenvertretungen für Fuß- und Radverkehr sowie interessierten Bürger*innen aufnehmen und ausbauen. Wir wollen jetzt schon neue Lösungen finden und kreativ darüber nachdenken, was in der Holtenauer Straße kurzfristig möglich sein könnte.

Vielleicht versteckt sich ja eine Lösung in:

  • Einbahnstraßenregelungen (ganztägig oder auch im Wechsel mit dem Berufsverkehr)
  • Geänderten Abbiegeregelungen, die Wegeverbindungen grundsätzlich verändern
  • Autofreie Sonnabende, um Neues zu probieren und die Holtenauer ganz anders zu erleben
  • Fahrradspur auf der Straße plus einspurige Verkehrsführung für Bus und PKW, die das Überholen von Bussen durch PKW ausschließt
  • Ein zentraler Lieferhub für den kompletten Lieferverkehr, bei dem Lastenräder auf der „letzten Meile“ eine wichtige Rolle spielen
  • Deutlich mehr Kontrolldruck, um das Parken in zweiter Reihe endlich wirkungsvoll zu unterbinden

Wir setzen uns dafür ein, solche und andere Lösungsvorschläge, die ohne große Baumaßnahmen umzusetzen sind und einer Stadtbahnplanung nicht entgegenstehen, auch in Ideenwerkstätten mit Verkehrsplaner*innen und Beteiligten zu entwickeln. Vielleicht sind auch Förderprogramme dafür verfügbar. Als grüne Ratsfraktion werden wir darauf drängen, dass die Mobilitätswende auch in der Holtenauer Straße jetzt beginnt. Stillstand bis zur Stadtbahn darf es nicht geben!

2 Kommentare

  1. Ute Möller-Witt

    Moin, ihr sprecht von Kontrollen der Autofahrer, die in 2.Reihe parken. Wer kontrolliert die 95% Radfahrer die täglich in diesem erweiterten Bereich gegen alle Verkehrstegrln verstoßen obwohl sie Teil des Straßen verkehrs sind. Fahren über rote Ampeln, Überholen von an der Ampel wartenden Autos und dann auf der Gegenfahrbarn landen, Fahren auf dem Bürgetsteig im schlimmsten Fall auf der falschen Seite, im Dunkeln ohne Licht etc..Dieses sag ich im Übrigen als Radfahrer und nicht als agressiver Autofahrer.
    Die Verfehlungen werden geschlechter- und generationsübergreifend gemacht. Bitte dieses ebenfalls zu kontrollieren, wenn die Radfahrer als Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden wollen.

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    • Ratsfraktion Kiel

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Leider halten sich viele Menschen, egal ob zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem PKW, nicht an die geltenden Straßenverkehrsordnung. Wie Sie sicher aus der lokalen Presseberichterstattung wissen, führt die Kieler Polizei regelmäßig und verstärkt Fahrradkontrollen durch und ahndet Radfahrende, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Seit Februar ist zudem die Fahrradstaffel der Kieler Polizei im Einsatz.

      Die Verkehrs- und Mobilitätswende ist ein sozio-technischer Transformationsprozess. Dieser beschränkt sich nicht nur auf dem Umstieg vom Auto aufs Fahrrad oder den ÖPNV, dazu gehört auch die Neuverteilung des öffentlichen Raumes: mehr Platz für zu Fuß Gehende, mehr Außenflächen für Cafés, Restaurants und den lokalen Einzelhandel und eine sichere und moderne Radverkehrsinfrastruktur. Vier Fahrspuren, von denen zwei Fahrspuren von Autofahrenden zum Parken zweckentfremdet werden, sind aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. Dass der Verkehr auch mit zwei Fahrspuren flüssig läuft, zeigt zum Beispiel die Neugestaltung des Knooper Weg zwischen Lessingplatz und Bernhard-Minetti-Platz.

      Als Ratsfraktion sind wir auch dabei festzustellen, wo die Straßenverkehrsführung für den Radverkehr zu gefährlich oder zu wenig intuitiv ist. Unser Ziel ist es, dass solche Gefahrenstellen und problematischen Verkehrsführungen zeitnah beseitigt bzw. bei geplanten Fahr- und Radwegsanierungen behoben werden.

      Falls Sie weitere Fragen haben oder am Diskurs über die Umsetzung der Mobilitätswende in Kiel teilnehmen wollen, laden wir Sie gerne zu unserem Arbeitskreis Mobilität ein.

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